Zwischen Erwartung und Bild
Über innere Kämpfe, Wiedererkennungswert und das Malen, wie es sich richtig anfühlt.
Es gibt einen Moment, den ich sehr gut kenne. Ich stehe vor der Leinwand und weiß ziemlich genau, was ich malen möchte. Gleichzeitig weiß ich aber auch, was gerade gut ankommen würde. Diese beiden Ebenen sind fast immer gleichzeitig da. Und genau dort beginnt der innere Konflikt.
Ich überlege automatisch, was funktionieren könnte, was sich leichter verkaufen lässt, wofür es zuletzt Zustimmung gab. Das sage ich ganz offen, weil ich glaube, dass es den meisten Künstlern so geht. Der Unterschied liegt für mich nicht darin, ob dieser Gedanke auftaucht, sondern darin, was man mit ihm macht. Früher hat er mich stark gesteuert. Heute erkenne ich ihn schneller und halte inne. Dann frage ich mich nicht mehr zuerst, was erwartet wird, sondern was ich wirklich malen möchte.
Mir ist vollkommen bewusst, dass von Künstlern oft eine klare Richtung erwartet wird. Ein Stil, ein roter Faden, etwas Wiedererkennbares. Diese Erwartung gibt es nicht erst heute, sie begleitet Kunst seit jeher – und sie wirkt nicht nur von außen, sondern auch von innen. Wir setzen uns selbst unter Druck, etwas finden zu müssen, irgendwo ankommen zu müssen.
Und ja, natürlich gibt es bei mir einen roten Faden. Meine Themen. Den Menschen. Das Figurative. Psychische Zustände, innere Spannungen, Verletzlichkeit, Ehrlichkeit. Diese Fragen begleiten mich seit Beginn und sie werden vermutlich bleiben. In diesem Sinn bin ich sehr konstant. Gleichzeitig merke ich aber sehr deutlich, dass ich mich innerlich verkrampfe, sobald ich versuche, daraus eine feste Schiene zu machen. Sobald ich beginne, mir selbst vorzuschreiben, wie etwas auszusehen hat, nur damit es stimmig nach außen wirkt.
Ich habe an einer Serie gearbeitet, und diese Erfahrung hat mir sehr gefallen. Ich werde das bestimmt auch wieder tun. Gleichzeitig bedeutet das für mich nicht, dass ich dauerhaft in Serien arbeite oder mich darauf festlege. Beim Malen lerne ich. Ich greife auf Dinge zurück, die ich schon gemacht habe, und verlasse sie wieder, wenn es sich richtig anfühlt. Manchmal zieht mich Reduktion an, manchmal braucht ein Thema mehr Präsenz, mehr Deutlichkeit. Mal wird es still, mal plakativer. Nicht, weil ich bewusst brechen möchte, sondern weil ich so erzähle, wie es sich für das jeweilige Bild stimmig anfühlt.
Genau an diesen Übergängen taucht der innere Widerstand auf. Ich merke, wie ich kurz zögere und mich frage, ob ich mir das jetzt erlauben kann. Ob man das so macht. Ob ich nicht besser dort bleiben sollte, wo es zuletzt gut lief. Dieser Moment ist nicht laut, aber sehr klar. Und er zeigt mir zuverlässig, dass ich gerade beginne, mich von Erwartungen leiten zu lassen statt von mir selbst.
Ein Bild hat mir das besonders deutlich gemacht. Ich habe es ohne große Absicht gemalt, sehr reduziert, nicht perfekt, ganz bewusst nicht. Ich war mir sicher, dass es sich niemals verkaufen würde. Ich wollte einfach nur genau das ausdrücken, was da war – nicht mehr und nicht weniger. Und genau dieses Bild war sofort weg. Das ehrlichste Bild in diesem Moment. Das hat mir viel beigebracht. Vor allem, dass man nicht malen sollte, um zu verkaufen, sondern weil etwas aus einem heraus will. Alles andere fühlt sich für mich irgendwann leer an.
Seitdem suche ich genau diese Momente bewusster. Nicht als Strategie, sondern als innere Orientierung. Ich weiß nicht immer genau, wo ich stehe. Und ehrlich gesagt möchte ich auch gar nicht irgendwo „landen“. Ankommen würde für mich ein Ende bedeuten. Stillstand. Ich möchte mich weiter bewegen dürfen, ausprobieren, verwerfen, zurückgreifen, neu ansetzen.
Ich frage mich oft, wie andere Künstler das sehen, wenn sie wirklich ehrlich zu sich selbst sind. Wie viele von ihnen ähnliche Spannungen kennen zwischen dem, was sie wollen, und dem, was erwartet wird. Und ich frage mich auch, wie Sammler darüber denken. Ob sie wirklich nur eine einzige Linie sehen wollen – oder ob sie nicht selbst viel vielfältiger sind, als man ihnen oft zutraut. Die Sammler, die Vielfalt zulassen, schätze ich besonders. Vielleicht, weil ich glaube, dass wir alle so sind.
Ich weiß nur eines sehr genau: In dem Moment, in dem ich anfange, mich einzuengen, verliere ich die Verbindung zum Bild. Und dort, wo ich mir erlaube, ehrlich zu bleiben, entsteht Ruhe. Nicht immer Sicherheit, aber Stimmigkeit. Und das ist der Ort, an dem ich malen kann.