
"Menschsein in Schichten"
Diese Texte geben einen Einblick in meine innere Bewegung während der Entstehung der Serie Menschsein in Schichten.
Sie sind aus Gedanken, Empfindungen und Fragen entstanden, die mich in diesem Prozess begleitet haben – als erste Annäherung, als momentanes Innehalten.
So wie das Leben selbst vielschichtig ist, begegne auch ich diesen Bildern aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Manches zeigt sich klar, anderes bleibt offen. Mit jeder neuen Erfahrung, mit jedem Gedanken, verändert sich mein Blick – auf die einzelnen Werke ebenso wie auf die Serie als Ganzes.
Die Arbeiten leben von Schichten.
Von dem Sichtbaren.
Von dem, was darunter liegt.
Und von dem, was sich vielleicht nur andeutungsweise zeigt.
Ich denke viel.
Und ich arbeite künstlerisch.
Beides gehört für mich zusammen, ohne dass das eine das andere ersetzt. Gedanken begleiten meine Arbeit, Worte entstehen parallel, manchmal fast beiläufig. Ich schreibe gern, ich spreche gern, ich reflektiere. Und doch bleibt das Bild der Ort, an dem sich etwas ereignet, das Sprache nicht tragen muss.
Meine Worte sind kein Fundament für die Bilder.
Sie begleiten sie leise.
Das Werk soll nicht durch Erklärung bestehen, sondern durch Begegnung. Erst im Blick des Betrachters wird es wirklich wahr. Dort entsteht etwas Eigenes – unabhängig von dem, was ich gedacht, gefühlt oder formuliert habe.
Meine Texte möchten Raum öffnen.
Raum für eigene Wahrnehmung, für persönliche Gedanken, für individuelle Resonanz. Die Bilder tragen mehr in sich, als eine einzelne Sichtweise erfassen kann – und genau darin liegt ihre Lebendigkeit.
Auch für mich bleiben diese Werke in Bewegung.
Ich entdecke sie immer wieder neu, mit wachsendem Abstand, mit veränderten inneren Zuständen, mit neuen Fragen. Vielleicht ist genau das ein wesentlicher Teil dieser Serie: dass sie sich nicht abschließt, sondern sich mit dem Leben weiterentwickelt.
So bleibt das Bild frei.
Und der Betrachter ebenso.
Nackt im Sein
Zwei Figuren in gespannter Stille.
Nähe ohne Berührung.
Ein Zustand zwischen Offenheit und Schutz.e hier, um einen Text zu schreiben.
Latenz
Ein Moment des Innehaltens.
Dort, wo etwas nicht ganz aufgeht –
und genau darin beginnt, Bedeutung zu tragen
Trust
Ein stiller Moment des Vertrauens.
Zwischen Licht und Dunkelheit.
Zwischen Hingabe und innerer Stärke.e hier, um einen Text zu schreiben.
Sightless Vision
Ein Blick nach innen.
Kurz bevor man bereit ist, wirklich hinzusehen.
Ein leiser, verletzlicher Zwischenraum.
Im Folgenden teile ich kurze Gedanken zu den einzelnen Werken –
als Einblicke, nicht als Festlegung.
Trust
Ein Kind in stiller Sammlung.
Weiß vor Schwarz.
Für mich steht dieses Bild für einen ursprünglichen inneren Zustand:
für Vertrauen, das noch nicht geprüft werden muss.
Für eine Haltung, die ruht – nicht, weil alles leicht ist,
sondern weil sie getragen ist von einer leisen Gewissheit.
Dankbarkeit spielt hier eine zentrale Rolle.
Nicht als Ideal, sondern als Blickwinkel.
Als Fähigkeit, auch mit Abstand auf Dunkelheit zu schauen
und sie als Teil eines größeren Zusammenhangs zu begreifen.
Licht und Dunkel gehören zusammen.
Sie geben einander Gewicht und Richtung.
So wird Vertrauen nicht naiv, sondern tragfähig.
Trust ist kein lautes Bild.
Es hält.
Wie ein innerer Anker.
Nackt im Sein
Zwei Figuren in einer stillen Nähe.
Der eine in sich versunken, der andere zugewandt – ohne einzugreifen.
Nackt im Sein berührt einen Zustand, in dem Helfen nicht bedeutet zu handeln.
Sondern da zu sein.
Auszuhalten.
Nicht zu reparieren, was weh tut.
Das Werk spricht von Verletzlichkeit – körperlich und seelisch.
Von einer Nähe, die irritiert, weil sie ungeschützt ist.
Und von der Schönheit, die entsteht, wenn Schutzschichten fallen.
Nacktheit wird hier nicht als Provokation gezeigt, sondern als Wahrheit.
Als Moment, in dem Rollen, Haltungen und Masken wegfallen
und etwas Ehrliches sichtbar wird.
Diese Offenheit kann sich bedrohlich anfühlen.
Sie zeigt, wie verletzlich wir sind –
und wie sehr wir es gewohnt sind, uns zu schützen.
Doch gerade darin liegt eine leise Stärke:
dem anderen die Autorität über sich selbst zu lassen.
Heilung nicht zu erzwingen.
Schmerz nicht zu kontrollieren.
Die Begegnung bleibt still.
Und gerade deshalb trägt sie.
Nähe ohne Berührung.
Fürsorge ohne Eingreifen.
Mitgefühl ohne Kontrolle.
Weisheit ohne Retten.
Liebe ohne Besitz.
Schmerz ohne Opferrolle.
Menschlichkeit ohne Bühne.
Sightless Vision
Das Bild ist bewusst aus der Egoperspektive gewählt.
Der Blick fällt nach innen – unmittelbar, ohne Distanz.
In der linken Hand wird der Becher fest gehalten.
Ein Griff, der Kontrolle sucht.
Vielleicht aus Angst, loszulassen.
In der rechten Hand liegt der Pinsel.
Locker gehalten.
Fast tastend.
Weiße Farbe.
Ein erster Strich auf der Haut.
Dieser Moment ist eine Entscheidung.
Weiß kann überdecken.
Oder sichtbar machen.
Es steht für Unschuld, für Akzeptanz, für die Erlaubnis, Fehler zu haben.
Für das Anerkennen dessen, was war –
nicht um es auszulöschen, sondern um lernen zu können, sich zu verzeihen.
Die Spannung zwischen den Händen erzählt von einem inneren Übergang:
Hier das Festhalten, dort ein erstes Nachlassen.
Vielleicht kündigt sich Erleichterung an.
Sightless Vision bewegt sich genau in diesem Zwischenraum.
Kurz bevor ein Weg gewählt wird.
Dort, wo wir uns selbst am nächsten sind –
und uns gleichzeitig am liebsten ausweichen würden.
Die Rollen des Alltags fallen für einen Augenblick weg.
Zurück bleibt ein stiller, echter Moment.
Der Moment zwischen zwei Entscheidungen.
Latenz
Der Bildausschnitt ist bewusst gewählt.
Der Kopf bleibt angeschnitten, der Ballon drängt an den Rand, die Haltung wirkt nicht ganz korrekt.
Beine erscheinen glatter als der übrige Körper, die Hand heller als der Arm.
All das erzeugt ein leises inneres Korrekturbedürfnis.
Den Impuls, etwas anpassen zu wollen.
Stimmiger zu machen. Richtiger.
Latenz arbeitet genau mit diesem Moment.
Mit der Frage, wie sehr wir daran gewöhnt sind, Dinge zu optimieren –
und was geschieht, wenn dieser Drang mit dem Älterwerden leiser wird.
Die Figur sitzt einfach dort und pustet den Ballon auf.
Ob das in diesem Alter noch mühelos geht, bleibt offen.
Ob der Ballon ihr Luft gibt oder sie ihm, ebenso.
Der pralle Ballon und die schlaffer werdende Haut tragen die Luft gleichermaßen.
Der Körper altert – die Seele jedoch reift.
Sie sammelt Erfahrungen, Schätze, Klarheit.
Besonders dort, wo Erwartungen nicht mehr erfüllt werden müssen.
Über dieses Bild ließe sich noch viel sagen.
Doch es soll offen bleiben.
Bewegt – wie das Leben selbst.
Abschließende Gedanken
Mich bewegt das Menschsein innerlich. Ich hinterfrage mich selbst ständig, beobachte, analysiere, zweifle. Und ich bin fasziniert davon, wie wir Menschen zugleich berechenbar und vollkommen unberechenbar sind. Wir strotzen vor Widersprüchen. Vielleicht wären allein sie schon eine eigene Serie wert.
Wir tun Dinge, die wir eigentlich nicht wollen. Wir halten Rollen aufrecht, obwohl sie uns belasten – und doch geben sie uns Halt. Es ist gut und schlecht zugleich. Vielleicht brauchen wir diesen gelebten Widerspruch, um zu überleben, im Außen wie im Inneren.
Wir spielen Rollen nicht nur, wir besetzen sie real. Und doch sind es Schichten. Schichten, die tragen können, und Schichten, die schwer werden. Wenn all diese Schichten fallen – was bleibt dann? Was kommt zum Vorschein? Wer sind wir?
Unsere Psychologie ist komplex, schwer greifbar, voller Gegensätze. Und gleichzeitig gibt es Dinge, die uns alle verbinden: Trauer, Schmerz, Liebe, Sehnsucht, Wut, Verzweiflung, Glück, Seligkeit.
Wir neigen dazu, den vermeintlich dunklen Teil zu vermeiden. Doch was wäre, wenn wir ihn als notwendigen Teil des Lebens begreifen würden? Wenn wir von klein auf lernen dürften, dass Schmerz und Fehler nicht gegen uns arbeiten, sondern mit uns?
Mich fasziniert, was wir alles gleichzeitig sein können: Führende und Suchende. Beratende und Zweifelnde. Kind – auch im Alter. Denker, Versorger, Beobachter, Philosoph. Keine Berufe, sondern menschliche Ebenen. Und das ist nur ein Ausschnitt – wir sind so viel mehr.
Jede Schicht für sich ist bereits komplex. Doch wenn alles zusammenkommt, wird es so vielschichtig, dass mehr Fragen bleiben als Antworten. Und genau das liebe ich. Denn in den Fragen bleiben Möglichkeiten. Wir sind Suchende. Und selbst am Ende, wenn alle Schichten fallen, dürfen Fragen offen bleiben – und dennoch können wir selig gehen.
Vielleicht liegt der Sinn nicht in den Antworten, sondern im Fragen selbst. Und vielleicht gibt es doch etwas, das trägt, wenn alles andere unsicher wird: Liebe, Hoffnung und der Glaube.